Sonntag, 10.11.2002
SV Buchonia Flieden - Borussia Fulda 2:1
Der Tag des Derbys begann früh.
Man traf sich in bzw. vor einer bekannten Lokalität in Fulda/Bahnhofsnähe,
um gemeinsam zum selbigen zu laufen (gegen 8:30). Dass dies mit lautstarkem
Grölen verbunden war, muss wohl nicht extra erwähnt werden (man berief
sich auf den Fuldaer Lokalheiligen Bonifatius und wirkte somit zum Teil mehr
als eine Wallfahrt!).
Am Bahnhofsvorplatz trafen wir dann auf weitere Menschen, die den Zug nach Flieden
nehmen wollten. Darunter der Harte Kern, PLO-Mitglieder, Leute, die man ewig
nicht mehr bei Borussia (zumindest Auswärtsfahrten) gesehen hatte, Personen,
die sich eigentlich nicht für Fußball interessieren, und viele mehr.
Insgesamt konnte man sicherlich 40 Menschen zählen.
Um kurz nach neun konnte man den Zug für die 15minütige Fahrt endlich
besteigen, mit geregeltem Chaos (5er-Gruppen, Raucher/Nicht-Raucher) und in
Begleitung des BGS.
In Flieden angekommen,
wurde man der Polizei übergeben, die einmal mehr extrem zahlreich vertreten
war. Keiner wusste so recht, wo es denn lang geht, aber zum Glück wurde
man von einem Fliedener Borussen (der zwei Schals an diesem Tag trug!) auf dem
kürzesten Weg geleitet.
Unterwegs gab es erste leichte Probleme mit der Polizei, da man die Straße
für vorbeifahrende Autos nur ungern räumen wollte.
Im Stadion angekommen (mittlerweile war es etwa 10:00 Uhr, wurden wir von der
Polizei gründlichst durchsucht (oder so). Mit dem Betreten des Sportgeländes
verlief sich alles erstmal, da viele Aufgaben anstanden, wie Zaunfahnen aufhängen,
Schwenkfahnen vorbereiten, Klos suchen, Würstchen essen, Bier trinken und
gewisse Dinge für das Intro vorbereiten, usw.
Der Anpfiff verzögerte
sich zwar um ein paar Minuten, das Intro fand aber pünktlich statt. Rauch,
Raketen, Wunderkerzen und natürlich Bengalos, alles in Massen, wurden gezündet.
Man sah die Hand vor Augen nicht mehr. Außenstehende Fotografen sowie
Filmer nahmen alles auf und nicht nur sie waren beeindruckt. Staunend ring das
Publikum nach Atem aufgrund der Show, aber natürlich auch aufgrund des
Rauchs. Die Fans selbst waren hochzufrieden, wenn auch etwas wehmütig ("Das
waren 180 €...!"). Die Polizei war weniger angetan und ließ
es sich nicht nehmen, die Personalien derer festzuhalten, die den Einsatz des
Feuerzeugs nicht geschickt genug verbergen konnten.
Auch die Fliedener hatten mit Unterstützung einiger Offenbacher etwas Rauch
zum Einlaufen vorbereitet.
Zum Spiel kann
man eigentlich recht wenig sagen. Beide Mannschaften waren von Beginn an verkrampft
und kamen nicht wirklich ins Spiel. Borussia machte die Sache aber dennoch besser
als die Gastgeber, weshalb unzählige und zumindest teilweise auch gute
Chancen zustande kamen. Nutzen konnte man sie nicht, was sich später als
fatale Schwäche erweisen sollte. Spielerisch war die Partie leider unterste
Schublade, was einerseits sicherlich auf die Anspannung angesichts der Brisanz,
andererseits aber auch auf den tiefen Boden zurückzuführen ist.
So musste man sich zur Halbzeit mit einem -für Borussia- enttäuschenden
0:0 zufrieden geben.
Auch nach der Pause verlief das Spiel ähnlich, Fulda griff an und traf
das Tor nicht. Zurückzuführen ist dies natürlich sowohl auf die
altbekannte Abschlussschwäche als auch auf die mangelnde Variabilität
im Sturm. Als Zuschauer hatte man das Gefühl, der SCB beherrsche nur das
Schema F (über links und eine schwache Flanke in die Mitte, wo keiner steht!).
So kam es wie es kommen musste. Flieden schaffte es irgendwie einmal vor das
Borussentor und schon war der Ball im Netz (59.). Die Borussia war danach -wie
immer- völlig verunsichert und die eigentlich souveräne Abwehr funktionierte
nicht mehr. Eine Ecke nutzte Buchonia, um für die Entscheidung zu sorgen
(65.); eine Standartsituation, bei der die Zuordnung nicht stimmte.
Danach schien alles gelaufen, auch die Fans hatten sich schon fast dem schmählichen
Schicksal ergeben, als doch noch Hoffnung aufflackerte. Die Borussen wurden
aggressiv und kämpften sich einigermaßen erfolgreich ins Spiel zurück.
Zu einem Torerfolg war aber dennoch ein Elfmeter notwendig, den der starke Andreas
Wischermann trotz anderslautender fanischer Befürchtungen souverän
verwandelte. Doch die 82. Minute erwies sich als zu spät für eine
Aufholjagd, obwohl Flieden noch einen Spieler durch eine rote Karte verlor.
Alles in allem ist die Niederlage nicht gerechtfertigt, zumindest nicht durch eine spielerische Überlegenheit des Gegners. Zuzuschreiben ist sie trotzdem ausschließlich den Borussen, denn Fulda hat einfach versäumt, aus der Überlegenheit, die durchaus vorhanden war, etwas Zählbares zu machen. Dies ist insofern verhängnisvoll, als dass es im Fußball nur um Tore geht.
Etwas enttäuschend war leider auch die Stimmung während des Spiels, was weniger an der Bereitschaft der Mitgereisten zum Gesang, als vielmehr am wenig mitreißenden Fußballspiel lag.
Nach der Partie musste man sich dann noch die Pöbeleien der Fliedener Spieler anschauen, die höchst unsportlich meinten, es sei lustig, die Fans zu provozieren. Spätestens, als gewisse bekannte Persönlichkeiten rennend das Feld in ihre Richtung betraten, sahen sie von einem weiteren Reizen der Fans ab.
Auf dem Rückweg
zum Bahnhof kamen die Fans dann noch zufällig an der Kirmes vorbei und
man ließ es sich nicht nehmen, dort alte Riten (Verbeugung des Papstes)
zu zelebrieren. Die Stimmung besserte sich zusehends und man verweilte dort,
obwohl die immer an unseren Fersen hängende Polizei einen Platzverweis
aussprechen wollte. Die Veranstalter witterten das große Geschäft
und errichteten schnell einen improvisierten Getränkestand, der nach wenigen
Minuten bereits Nachschubprobleme bekam.
Als man sich schließlich auf den Weg zum Bahnhof machte, war die Stimmung,
die nach dem Spiel zunächst aggressiv und dann enttäuscht und tieftraurig
gewesen war, wieder ausgelassen, vor allem, als die Erkenntnis kam, dass Flieden
sich noch immer im Abstiegskampf befindet.
Die Akustik der Bahnhofshalle (Halle ist übertrieben, aber wie nennt man
das sonst?) wurde schon wieder für Schlachtgesänge und Lieder und
Party an sich genutzt; da konnte man eine Polonaise bewundern und es wurde exzessiv
gepogt, bis es fast Verletzte gab. Kurz, man hatte einen Riesenspaß und
man fragt sich, was passiert wäre, wenn das Derby einen positiven Ausgang
für Borussia genommen hätte.
Auch die Rückfahrt
war äußerst amüsant und als man endlich wieder Fuldaer Boden
betrat, hatten die Fans schon wieder Lust auf Borussia. Ein Teil zumindest,
der sich zur zweiten Halbzeit des Spiels der Fohlenelf am Kunstrasenplatz in
der Johannisau einfand.
Immerhin konnte man hier den allerersten Heimsieg der zweiten Mannschaft bewundern
(2:1 gegen Wattenbach). Zudem traf man neben Trainer Henry Lesser und anderen
Spielern auch den ehemaligen Borussen Altin Lala, seines Zeichens bekanntlich
Stammspieler beim Erstligisten Hannover 96.
Der Derby-Tag war ein echtes Erlebnis. Mit Feiern, Bengalos, Streits, Ärger, Freude, Hoffnung, Trauer, Enttäuschung, Spaß, Ausgelassenheit, Alkohol, Aggressivität, Übermut und neuer Verbundenheit der Fans.
Kompliment an die
Fans, die dabei waren und den Tag zu einem unvergesslichen Erlebnis für
alle Anwesenden machte.